Kriegshelden treffen bei ihren Beutezügen auf eine archaische Anderwelt

Tom Kühnel inszeniert im Schauspielhaus „Medea – nach Grillparzer und Anderen“ 

Alles gewagt und das Publikum war vom Bühnenbild von Jo Schramm hin und weg. Ein Vorhang aus Spiegeln war auf einer großen Drehscheibe befestigt und derart präsent, wie geschaffen sich darin zu erkennen und auch zu verlieren…

An diesem Ort inszeniert Tom Kühnel „Medea“, die Kindesmörderin, als gleichermaßen historischen wie zeitgenössischen Stoff, der einen Blick auf den Kreislauf von Werden und Vergehen gestattet, ja als Zerrspiegel und Abbild unserer Zeit steht.

Im Spiegel sieht man nicht nur eine Medea sondern gleich drei. Zum einen ist da die magische Kindfrau (Vanessa Loibl), aufgehoben als Tochter des Herrschers im Kollektiv des alten Kolchis, einer archaischen Anderwelt, in der Mord zur Eroberung des Goldenen Vlieses von dem Regisseur mit chorischem Sprechen, trachtenähnlichen Kostümen (Daniela Selig) und ritualisiertem Handeln auf Distanz bringt wie auch wiederum nahebringt.

Und da ist eine junge Frau (Carolin Haupt), die dem griechischen Argonauten, dem Kriegshelden, Jason (Philippe Goos) begegnet, der sie erobern möchte, aber mehr noch das Goldene Vlies.

Medea nimmt auch den Tod ihrer eigenen Kinder in Kauf. Foto Katrin Ribbe

Zum Tanz um das Goldene Vlies dreht sich immer das Spiegelkabinett - und erlaubt auch den Blick auf eine zerbrechende moderne Kleinfamilienwelt.

Da ist die Ehefrau und Mutter (Katja Gaudard), ohne Träume und erstarrt im banalen Alltag, dieselbe, die Jason als „Wilde, als Barbarin“ übers Meer folgte und deren Mitwirkung an Tod und Mord in ihrem Umfeld im Unklaren beleibt.

Als Jason nach langer Irrfahrt mit Medea nicht als Kriegsheld aufgenommen sondern ausgeschlossen wird und in Korinth Zuflucht findet, sieht er die Schuld bei Medea und beugt sich der Forderung seines Onkels Kreon, daß Medea das Land verlassen soll. Ihrer naiven jüngeren Konkurrentin, Kreons Tochter ( Vanessa Loibl) begegnet sie anfangs unbefangen.Kühnel erzählt, wie Medea zu guter Letzt, als sie allen Seins beraubt ist, bereit ist, sich zu opfern indem sie fortgehen und Jason der Nebenbuhlerin überlassen will – aber nicht ohne ihre Kinder! Und hier kommt es zu der erschütternden Szene, die auch ihren Mord an  ihren Kindern erklärt: Diese wenden sich erschrocken von ihrer Mutter ab, als diese ihre Töchter anfleht – erst schmeichelnd, dann bittend, schließlich fordernd - mit ihr zu gehen. Jetzt ist sie nicht eine eifersüchtige Frau, sondern eine Verzweifelte, die durch den Tod der Kinder den mörderischen Kreislauf von Rache und Krieg durchbrechen will.

Mit Sinn und Verstand und mit niederschmetternder Tragik geschieht das, voller Anspielungen. Hier bezieht sich Kühnel auf Grillparzers Fassung des Stoffes „Das goldene Vlies“.

Schließlich taucht auch noch die Urfassung von Medea auf, die des Griechen Euripides, und Maria Callas – nicht jene Callas, die für Pasolini „Medea“ sang und spielte, sondern die Operndiva, die dem steinreichen Reeder Onassis erlag und ihm den Zugang in die Welt der Reichen und der Schönen eröffnete, und die, als er sie verlies, den Zauber ihrer wunderschönen Stimme verlor.

Kühnels Medea  ist nicht nur ein intellektueller Hochgenuss, sondern vor allem auch ein sinnlicher– dazu trägt das grandios aufgelegte Ensemble bei-

Presse Dienst Nord, Ute Micha / Hannover Woche, Sigrid Lappe


Schattentheaterfestival startete vor zehn Jahren

6. Hannoversche Schattentheaterfestival 2017 vom 26. bis 29. Oktober

Vor zehn Jahren fand zum 20jährigen Jubiläum der Vagantei Erhardt das erste Schattentheaterfestival statt, jetzt kommt zum 30jährigen Jubiläum der Vagantei das 6. Festival auf die Bühne.

Die meisten Inszenierungen werden im "Alten Magazin" stattfinden, die Inszenierungen "Dunkel" und "Bremer Stadtmusikanten" werden im Theatermuseum de Schauspielhauses gezeigt.

Erzählungen und Geschichten aus Klassik und Moderne werden von sechs Ensembles in 13 Inszenierungen ins Licht gesetzt. Sechs der acht Inszenierungen und auch die "Schattenimprovisation" werden mit Live-Musik gezeigt. Neben dem 20köpfigen Gamelan-Orchester begleiten Irina Shilina, das Trio Größenwahn, die Band Bawawa und Dietmar Staskowiak das jeweilie Schattentheater.

Für die ganz kleinen Zuschauer ist "Dunkel", die Vormittags- und Nachmittagsvorstellungen sind für alle Altersstufen konzipiert und die Abendveranstaltungen für Jugendliche und Erwachsene.

Zwei Workshops, eine Schattenimprovisation durch Teilnehmer sowie ein Vortrag begleiten das Festival.

Für einen Gedankenaustausch und ein gemütliches Beisammensein laden die Räume des "Alten Magazins" sowie die Kantine des Schauspielhauses ein.

Das Festival hat viele Unterstützer gefunden, so ist es gelungen ein Programm zusammenzustellen, das – hoffentlich - viele Freunde finden wird.


Indien zieht um in hannöversche Gastronomie

Das Erfolgsstück „Indien“ wird jetzt im Gasthaus gespielt

Eine wunderbare Tradition: Im Innenhof des Schauspielhauses fand im August das Sommer Hof Theater statt, und kulinarische Genüsse begleiten wie immer das Programm. Jetzt zieht dieses wunderbare Stück - wie versprochen – in eine passende Location, nämlich in das Brauhaus Ernst August in der Schmiedestraße.

“Die Wirte sind alle Idioten” findet Heinz Bösel (Janko Kahle lks.), und da können Kurt Fellner (Günther Harder r.) nur lachen wobei der Wirt Frank Wiegard gute Miene zum bösen Spiel macht. © Karl-Bernd Karwasz

Da gibt es dann Bierchen und leckere Schnitzel weil das Stück „Indien“ von den österreichischen Autoren Josef Hader und Alfred Dorfer vom Intendanten des Schauspiels Hannover, Lars-Ole Walburg, ins Brandenburgische verlegt wurde.
Zur Story: Die recht unterschiedlichen Gastronomie-Inspektoren Heinz Bösel und Kurt Fellner, für die das Leben eine Dienstreise ist, inspizieren im Auftrag der Landesregierung Lokale im Brandenburgischen. Eigentlich können sich die beiden “nicht auf’s Fell gucken”, aber die Handlung führt sie Schritt für Schritt auf skurrilen Wegen zusammen, das verdeutlicht dann die tragische Schlussszene. Die Darsteller der Gastrokritiker sind Günther Harder und Janko Kahle, der „Mann für Alles”, Frank Wiegard, schlüpft in die Rollen der unterschiedlichen Wirte und zum Schluß gibt er noch den Arzt ab. Genial!

Josef Hader (*1962) und Alfred Dorfer (* 1961) gehören zu den bekanntesten Kabarettisten Österreichs. Ihr 1991 geschriebenes Stück „Indien“ wurde 1993 in der Regie von Paul Harather verfilmt. Hader und Dorfer genießen seither Kultstatus. 

Es gab viel Beifall für die witzige Inszenierung und die hervorragenden Akteure. 
Diese Inszenierung war so angelegt, daß sie auch Andernorts spielbar ist: Das Schauspiel zieht jetzt mit der Aufführung nach den 15 Vorstellungen im Innenhof ins Brauhaus Ernst August. 
Die Hausherren dort haben nämlich schon Erfahrung mit kulturellen Veranstaltungen Auch dort sollte die Bereitstellung der Bierchen und Schnitzel keine Schwierigkeiten bereiten!

Vorstellungen im Brauhaus Ernst August: 31. Dezember, 19 und 21 Uhr. Da bleibt noch Zeit für die Silvesterparty ab 23 Uhr im Schauspielhaus!  Karten für alle Veranstaltungen im Schauspielhaus

Presse Dienst Nord, Ute Micha / Hannover Woche, Sigrid Lappe